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I.

Die Zeit dazwischen

Da gibt es eine Zeit, die verfliegt, weil sie eingebettet ist ins Tun. Sie ist so voller Takt und Termin, so voller Plan und Fülle, dass sie schon gar keine Zeit mehr ist. Nur noch Triebkraft. Wenn diese verflogen ist, herrscht Stille. Und eben Zeit, die hallt im großen leeren Raum. ZEIT. Ein paar kleine Aufgaben locken und winken. Links unten lasse ich sie liegen. Und atme auf im Zeitraum. Mein eigener Antrieb hat sich in Schwere verwandelt. Einstige Vorhaben, ach sind sie doch nicht wichtig. Warten auf das Nächste, das Große, auf das, was sich wieder nach fließender Tätigkeit anfühlt. Noch ist nichts herbeigesehnt.

Die Zeiten zwischen den Projekten, zwischen den Ausstellungen sind die Schwierigsten. Es sind die Momente, in denen ich ins Wanken gerate. Ob ich noch Künstlerin bin oder es jemals war. Die Selbstdefinition braucht so sehr das Gebraucht-Werden. Und das sollte nicht sein! – sagt mein hehres Künstlerinnen-Über-Ich. Alles kommt doch aus mir heraus. Große Stille.

Die Zeit zwischen den Projekten sind manchmal gefüllt vom Schreiben. Sichtweisen rücken sich durch Worte zurecht. Sehen hat mit Wissen zu tun, so hat man herausgefunden. Und wohl auch mit Erfahrung, Definition. Suchen. Ich suche nach Ausschreibungen, nach dem nächsten Ziel, nach dem nächsten Bedürfnis etwas zu schaffen. Doch alles fällt unter der Kategorie „uninteressant“ in sich zusammen. Gute Nacht.

Der Wind bewegt die Jalousie, dem leisen Klappern höre ich zu. Die Unregelmäßigkeit fasziniert. Zu viel Zeit habe ich wahrscheinlich. Da kommt der verstohlene Blick auf die Uhr, wie viel von dieser Zeit nun endlich vergangen sein mag. Erst verfliegt sie im Raum, dann kriecht sie quälend über mich hinweg. Absichtslose Ablenkung auf Instagram. Visuelle Zeitverschwendung folgt auf visuellen Input im selben unvorhersehbaren Rhythmus wie das Ruckeln der Jalousie. Gerne würde ich nun eine Botschaft schreiben: Genieße die Zeit. Oder: Nutze sie endlich! Seize the day. Gib‘ dich hin, dann wirst du verwandelt.

Kein Produktivitäts-und Wertschöpfungswahnsinn. Es ist ja nicht so, als ob es nichts zu tun gäbe. Aber die Nutzlosigkeit der kleinen Aufgaben steht mir vor Augen. Das große Begeistert-Sein über neue Bilder, leckere Ideen, zu bespielende Räume, es fehlt mir. Es wäre mir lieber, der Wind würde einen gleichmäßigen Takt erzeugen, nicht so ein Durcheinander. Die klappernde Jalousie als Metronom, das mich in einen produktiven, gleichmäßigen Rhythmus hineinbringt.

Ich sitze. Bin Auge und Ohr und spüre und ordne. Lasse die Zeit vergehen.

11.November 2022

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