as_white

I.

Die Welt in mir

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Sie krümmt und biegt sich. Fernsehbilder strömen auf uns ein. Erst von fern, dann von nah. Autos fahren nicht mehr. Der eigene Atem, man muss ihn bewusst aus dem Körper pressen, damit er nicht still steht. Unglaubliches.

Es ist März 2020. Menschen erkranken, Menschen sterben. Informationen hier und da, man ist gefordert wie selten, um diese zu verstehen, einzuordnen. Ungewissheit. Mehr Bilder von aussen, der Verkehr steht still, ich gehe nicht mehr einkaufen. Mein Fahrrad bringt mich auf leeren Straßen ins Atelier. Refugio. Ich projiziere mir Handyfotos an die Wand, die ich früher von der Umgebung rings um mein Atelier gemacht habe. Als wir Normal noch verflucht haben. Den Alltag nicht wert geschätzt. Irgendwie mag ich diese leicht unscharfen, vielteiligen Baustellen-Panoramen, in denen sich durch den Beamer die Farben verschieben.

Ich male unfertige, unschöne Szenen, in denen nichts so ist wie es sein soll. Keine Formvollendung. Oder städtische Orte, an denen ihre Bewohner all das tun, was man in friedlichen und wirtschaftlich glücklichen Zeiten tut: essen, reden, arbeiten, vorbeigehen. Ich male eines nach dem anderen, schnell, es geht nicht um Vollendung. Im Dunkeln gleitet der Pinsel geräuschlos über das Papier. Mein Atelier ist wie ein Kino. Es muss dunkel sein, denn sonst sehe ich das projizierte Bild nicht mehr. Und es macht nichts, wenn ich die Farbe auf dem Pinsel nicht kontrollieren kann. Habe ich früher den Blick nach draussen geschätzt, genieße ich hier die Einkehr. Niemand soll mich stören. Alle sprechen von den verheerenden Folgen des Lockdowns für Geist und Psyche – gut, die meisten sprechen nur von Wirtschaft und Geld, mag sein, ich genieße den angstfreien Raum.

Die Lage entspannt sich. Die üblichen Räder beginnen sich wieder zu drehen. Viele gehen im neu gewonnenen Rhythmus mit, andere nicht. Ich beobachte.

Monate später – die Welt ist noch immer aufgewühlt, in vielerlei Facetten. Die Welt ist uneins. Ich male Räume, nicht innen nicht aussen. Ungesehen bisher. Die Farbe macht komische Formen. Ein wenig unscharf vielleicht, vor allem Formen, die eine zersplitterte Version dessen wiedergeben, was passiert. Eine schwarze Fläche schneidet in zarte Farben. Freie Meinungsäusserung. Um welchen Preis. Manches nicht so ernst nehmen. Doch die Welt bebt. Es macht mir Angst, dass der scheinbare Zusammenhalt der Menschen verloren gegangen ist. Wer glaubt noch an ein Wir? Die vielen Meinungen, Bilder, Informationen, Hitziges, all dem will ich in den Bildern ein bisschen Ordnung verleihen. Das Viele zerlege ich in unterschiedliche kleine Flächen, mal scharf, mal unscharf.

Es ist mittlerweile November. Die Kultur-Landschaft liegt brach, wurde ausgeschaltet wie ein Fernsehbild. Sie bebt nicht mal. Sie zuckt nicht mehr. Die Bildende Kunst, die Resonanzräume schafft, wird ohne Rezipienten sich selbst überlassen. Monate, nachdem ich quälend lange Wochen die Kinder zuhause betreut habe, nachdem alles normal erschien, Monate nachdem Pläne gemacht wurden, Ausstellungen für‘s nächste Jahr überlegt und wieder verschoben wurden. Es ist November und die Bildende Kunst leidet. Wie viele andere Kolleg*innen habe auch ich mich der Situation gestellt, hoffnungsgetrieben, unablässig, sie verarbeitet, gespiegelt. Das habe ich nicht zum intrinsischen Selbstzweck getan, sondern für uns alle. Wenn nicht mehr sichtbar sein darf, was der Welt Sichtbarkeit verleiht, wird es dunkel?

18.November 2020
* www.angelastauber.de/serie/urban-scape/momentum_angela-stauber/

Teilen über: Facebook | Twitter | E-Mail